Flüchtlinge im Gespräch

„Dass die Flüchtlinge uns so nah kommen …“

Gespräch mit Pfarrer Dr. Winner und der Flüchtlingsbeauftragten der Gemeinde, Sr. Christa Brünen

300 Flüchtlinge leben zurzeit im Bereich der Innenstadt. Hat sich das Gemeindeleben dadurch verändert?
Pfarrer Dr. Winner: Ja, weil wir in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Flüchtlingen leben, fühlen wir uns eingeladen und herausgefordert, uns darauf einzustellen und darin eine Aufgabe zu sehen. Wir möchten den Flüchtlingen wirksam zur Seite stehen, sie einerseits als Gäste betrachten, andererseits aber auch ihre Elendssituation richtig zuordnen, so dass wir dann deutlicher die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen erkennen können.

Wie und wann haben Sie entschieden, dass sie dafür eine Flüchtlingsbeauftragte brauchen?
Das hat sich zwangsläufig herausgestellt, weil es in Münster schon eine gute Vernetzung von Ehrenamtlichen gibt. Man muss nicht immer am Nullpunkt beginnen und kann auch Synergieeffekte nutzen, um dann in Absprache bestimmte Zuständigkeiten zu benennen. Zum Beispiel bei der Frage der Beschaffung von Kleidung für Kinder, die hier geboren werden. Es muss nicht jede Gemeinde dasselbe tun, da kann man sich mit den Kleiderkammern und Sozialbüros abstimmen.

Sr. Christa, Sie sind die Flüchtlingsbeauftragte der Gemeinde. Was tun Sie in dieser Funktion?
Sr. Christa: Das ist unter anderem die Koordination der ehrenamtlichen Dienste, wie Sprachkurse, Spielangebote für Kinder, die Vermittlung von Familienpatenschaften, Sammlung von Sachspenden, die Zusammenarbeit mit der Kleiderkammer, Besuche im Krankenhaus. Ich arbeite eng mit den Sozialarbeitern in den Unterkünften und der Flüchtlingshilfe Mitte zusammen. So haben wir uns zum Beispiel, als die Einrichtungen an der Schaumburgstraße und in der Sonnenstraße bezogen wurden, mit den Sozialarbeitern, mit der evangelischen Erlösergemeinde, mit der Bürgerstiftung und interessierten Ehrenamtlichen zusammengesetzt und überlegt, wie wir dort den Flüchtlingen zur Seite stehen können.

Mit welchem Ergebnis?
Es kamen viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Am Anfang konnten wir sie gar nicht alle einsetzen. Beim ersten Treffen waren 50 Menschen da.

Was wollen die Menschen tun?
Sie wollen Sprachkurse geben, sie möchten spenden, sie wollen Menschen begleiten, etwa Paten für Familien sein.

Werden sie geschult oder begleitet, damit sie das können?
Ja, ich versuche die Ehrenamtlichen zu begleiten und bin bei Fragen
ansprechbar. Aber es gibt auch vom Bistum und bei der Caritas Kurse für die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit.

Wie funktioniert dann konkret die Koordination der ehrenamtlichen Hilfen? Fragt der Sozialarbeiter aus der Einrichtung bei Ihnen Hilfe an, wenn etwas benötigt wird?
Ja, er nimmt Kontakt zu uns, der evangelischen Erlösergemeinde oder der Bürgerstiftung auf. Es gibt zum Beispiel Spielgruppen in der evangelischen Familienbildungsstätte im Paul-Gerhardt-Haus, da viele Kinder noch keine Kita-Plätze haben.

In der Gemeinde leben auch christliche Familien, die aus Syrien geflohen sind. Wie unterscheidet sich deren Situation?
Pfarrer Dr. Winner: Die Christen haben eine besondere Situation. Vor allem in den Flüchtlingseinrichtungen erleben sie immer wieder, dass sie nicht ganz so gut von den anderen Flüchtlingen verstanden werden. Sie suchen natürlich die Nähe zu einer christlichen Gemeinde. Da St. Lamberti über einige Wohnungen verfügt, konnten wir bisher drei Familien zu eigenen Wohnungen verhelfen.
Sr. Christa: Die arabisch sprechenden Christen sind inzwischen eine ziemlich große Gruppe geworden. Ich war vor kurzem bei einer Hl. Messe in arabischer Sprache, obwohl ich kein Arabisch verstehe. Dort waren 50 junge Familien mit vielen Kindern beim Gottesdienst in der Krypta der Antoniuskirche. Weil der Raum viel zu klein wird, können sie in Zukunft in der Pius-Kirche ihre Gottesdienste feiern.
Pfarrer Dr. Winner: Ich habe einen Kirchenführer verfasst, der speziell die arabisch sprechenden Flüchtlinge im Blick hat. Wenn sie nur an normalen Stadtführungen teilnehmen, kommt das, was Christen wichtig ist, vielleicht etwas zu kurz. Geholfen hat uns dabei der Pfarrer der arabischen Gemeinde, der uns den Text übersetzt hat, so dass jetzt die Präsenzdienste in der Lamberti-Kirche spezielle Informationen in arabischer Sprache weitergeben können.

Rufen Sie aktiv zu ehrenamtlichem Engagement auf?

Sr. Christa: Ja, ich rufe immer wieder auf unserer Homepage zur Hilfe auf, zum Beispiel, wenn aktuell eine Babyausstattung benötigt wird oder ehrenamtliche Dienste erforderlich sind. Unsere Website wird sehr gut besucht. Auf diesem Weg finden sich immer wieder Menschen, die helfen wollen.
Eine schwierige Situation ergibt sich momentan für uns, wenn von Familien, die wir begleiten, der Asylantrag abgelehnt wird. Da versuchen wir natürlich weiterhin zu helfen.

Was können Sie dann tun?

In der konkreten Notlage bezüglich der drohenden Abschiebung habe ich Kontakt mit Beratern des Caritasverbandes aufgenommen. Gestern Abend hat uns die Familie aus dem Irak Fotos gezeigt, ganz schreckliche Bilder. Diese könnte man zum Beispiel als Beweismittel bei einem Widerspruch nutzen. Wir helfen der Familie, die Argumente zu sammeln. Wir haben einen Anwalt und sind in engem Kontakt mit der Betreuerin der Familie.
Pfarrer Dr. Winner: Der Caritasverband hat auf Diözesanebene wie auch auf Stadtebene eigene Referate, die fachlich sehr kompetent sind. Wir können manche Flüchtlinge an das Referat vermitteln, und diese Kontakte sind für die Familien enorm wichtig. Viele christliche Familien haben noch Angehörige in Aleppo und wünschen sich, dass ihre Familien nachkommen. Das gestaltet sich allerdings als sehr schwierig, da wir kaum helfen können. Wir können aber die Fragenden an die Fachleute weiter vermitteln.

Als Flüchtlingsbeauftragte sind Sie Teil dieser Netzwerke.

Sr. Christa: Wir arbeiten auf Stadtdekanats-Ebene kontinuierlich zusammen. Jetzt, da nicht mehr so viele Flüchtlinge kommen, schauen wir eher darauf, wie sie besser integriert werden können. Ein gutes Modell für eine individuelle Hilfe ist es, Familienpate zu sein. Darüber konnten schon einige Familien Wohnungen finden. Aber diese Arbeit ist natürlich sehr zeitintensiv. Die Familienpaten unterstützen bei Behördengängen, sie begleiten zum Elternsprechtag und bei vielen anderen Notwendigkeiten. Es gibt einige Frauen, die diese Hilfe in unserer
Gemeinde leisten, das finde ich sehr schön.

Wovon waren Sie in den vergangenen zwei Jahren überrascht?
Pfarrer Dr. Winner: Wir waren überrascht davon, dass so schnell die Frage akut wurde, wie man die Flüchtlinge unterbringen kann, wenn sie aus den Unterkünften entlassen werden und eine gewisse Eigenständigkeit bekommen möchten.
Sr. Christa: Ich war selbst davon überrascht, dass die Flüchtlinge uns so nahe kommen. Ich war im Januar 2015 in Brasilien beim Generalkapitel. Dort haben wir Spenden für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst gesammelt. Dass sie auch nach Münster kommen, war in dem Moment für mich noch gar nicht denkbar. Caritative Arbeit ist für mich ein Kennzeichen von Kirche überhaupt. Aber es ist noch einmal ein anderes Arbeiten mit den Flüchtlingen. Es macht mir Freude, ich bekomme dadurch viel zurück.
Pfarrer Dr. Winner: Was mich so sehr beglückt, überrascht und erfreut, das sind die menschlichen Qualitäten der Menschen, die eine Bereicherung für uns sind. Wenn ich die Familien besuche, erlebe ich so viel Herzlichkeit. Die Menschen realisieren Gastfreundschaft mit dem Wenigen, was sie haben. Wenn man mit ihnen spricht, ist man tief beeindruckt, wie offen sie über viele Fragen sprechen, obwohl sie wissen, dass ihre Angehörigen in äußerster Bedrängnis leben. Ich habe gedacht, sie würden einem nur Verzweiflung präsentieren. Aber das ist nicht der Fall.
Sr. Christa: Ich bin oft so beeindruckt, dass ich in das eine Zimmer, das sie mit der Familie teilen, auf einen arabischen Kaffee eingeladen werde. Das ist gastfreundlich, aber auch ein großer Vertrauensbeweis.
Pfarrer Dr. Winner: Die Menschen, die im Ehrenamt helfen, folgen nicht nur einem humanitären Impuls. Das geht viel tiefer. Die Gastfreundschaft gegenüber Menschen in Not ist für Christen der Ausdruck einer Begegnung mit dem, an den wir glauben. Wir erleben, dass die Menschen, die in unserer Gemeinde helfen, dies mit einem gläubigen Herzen tun. Ich bin davon überzeugt: Je mehr man sich auf andere, die in Not sind, einlässt, umso mehr Geschmack findet man an der Botschaft des Evangeliums.

www.fluechtlingshilfe-mitte.de