Pfarrer Dr. Ludger Winner im Gespräch

Ein Gespräch mit Pfarrer Dr. Ludger Winner

„Sie sind wahre Schätze der Gemeinde“

Dr. Winner, woran denken Sie zuerst,
wenn es um das „Leben mit älteren
Menschen“ in der Gemeinde geht?

Ich denke zuerst an viele Namen und Gesichter. Jedes mit einer eigenen Geschichte. Ich erlebe viele Ältere in der Gemeinde entspannt, sie haben Zeit. Und ich erlebe nicht wenige, die dankbar sind für jede Form der Zuwendung. Die älteren Menschen mit ihren Erfahrungen sind wahre Schätze der Gemeinde.

Über wen reden wir,
wenn wir über die Älteren sprechen?
Der demografische Wandel geht ja auch
an der Gemeinde nicht vorbei. Heißt
das, auch unsere Gemeinde wird älter?

Heute ist jeder vierte in der Bevölkerung unseres Landes älter als 60, in 20 Jahren wird es jeder dritte sein. Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich in den kommenden 40 Jahren verdreifachen. In unserer City-Gemeinde gibt es eine nicht ganz repräsentative Struktur, da in der Innenstadt mit zahlreichen kleineren Wohnungen wenige Familien leben. Wir haben also viele Singles, Ältere und Jüngere, besonders Studenten. Grundlegend ist aus meiner Sicht, dass ältere Menschen von ihrem Selbstverständnis her anders orientiert sind als zu früheren Zeiten. Das heißt: Weniger Menschen wollen „Senioren“ sein.

Was heißt das, wenn man
diese Menschen erreichen will?

Grundsätzlich und nicht nur für die Kirche bedeutet das: Man muss spezielle Angebote machen. Man kann nicht sagen: Jetzt sind Sie 60+ und gehören zu unseren Senioren. Wir beobachten zum Beispiel, dass unser Seniorenkreis seit einigen Jahren nicht mehr wächst, sondern kleiner wird.

Warum ist das so?
Die Menschen wollen nicht mehr umsorgt, sondern in ihren Ressourcen und Aktivitäten angesprochen und eingebunden werden. Gerade in Münster leben viele akademisch gebildete ältere Menschen, andere ziehen im Alter bewusst in die Stadt und wollen auch in ihren kulturellen Interessen angesprochen werden. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir die älteren Menschen erreichen, dann ist es vielleicht hilfreich, unterschiedliche Phasen des Älterwerdens zu betrachten: Die autonome Phase, in der Aktivität und Eigeninitiative im Vordergrund stehen. Dann die fragile Phase, in der erste Gebrechen die alltäglichen Verrichtungen einschränken, man sich aber noch gut selbstständig helfen kann. Und schließlich die kurative Phase, in der Hilfe von außen erfolgen muss und in der zum Beispiel das Cohaus-Vendt-Stift als Altenheim in kirchlicher Trägerschaft einen wichtigen Stellenwert hat.

Sie haben gesagt, dass die Älteren
wahre Schätze der Gemeinde sind.
Wo nehmen Sie das wahr?

Etliche Dienste in unserer Gemeinde werden gern von Senioren begleitet, z. B. die caritativen Dienste wie die „Münster-Tafel“ im Pfarrheim St. Martini. Andere Ältere engagieren sich als Lektoren oder Kommunionhelfer, in den Besuchsdiensten für Kranke, in unserer Bücherei, und ich staune immer wieder über die große Kompetenz, mit der sie ihre Dienste verrichten.

Heißt das, es geht weniger um
Angebote für die Älteren als darum,
wie sie sich aktiv in die Gemeinde
einbringen?

Ja, das sehe ich so. Viele Aktivitäten in unserer Gemeinde sind stark von den Älteren getragen, aber sie verändern sich auch. Wir haben zum Beispiel vier Kirchenchöre. Es gibt in ihnen einen wunderbaren Zusammenhalt, denn Singen schafft Verbundenheit. Aber angesichts fehlenden Nachwuchses stellt sich eben auch die Frage: Wie kann es langfristig weitergehen? Hier werden sich Strukturen verändern, vielleicht kann sich dann eine andere Art der Chorarbeit, z. B. durch Projektchöre, etablieren.

Entsteht dadurch vielleicht sogar
mehr Begegnung der Generationen?

Es gibt bereits viele Räume für einen Austausch unter den Generationen. In der caritativen Arbeit, z. B. bei der „Tafel“, organisieren Studierende gemeinsam mit 80-Jährigen die Hilfe über Generationengrenzen hinweg. In den Familiengottesdiensten erleben wir, dass ältere Menschen sehr gern kommen und sich an den Ausdrucksformen der Kinder erfreuen.
Früher gab es diesen Zusammenhalt der Generationen in den Großfamilien. Wenn wir heute wollen, dass es einen Austausch unter den Generationen gibt, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Warum nicht mal eine gemeinsame Wallfahrt von Großeltern und Enkelkindern?

Könnte der Wechsel hin zu Projektarbeit
auch ein Modell für andere Bereiche
der Gemeinde sein?

Wir erleben in der ganzen Gesellschaft, dass sich Menschen unabhängig vom Alter für konkrete Projekte engagieren und weniger eine langfristige Bindung an Verbände suchen. Für uns als Gemeinde bedeutet das auch, dass wir den Menschen vielfältige Möglichkeiten bieten müssen, um sich einbringen zu können: Ob als Märchenerzählerin in Kindergärten, in Dritte-Welt-Projekten, als Begleiter bei den Sternsingern oder in der Bücherei. Wir haben zum Beispiel den Dienst der Seniorenmessdiener eingeführt und zeigen damit auch den Kindern, dass Messdiener-Sein nicht nur etwas für die Kleinen ist. Oder: In der Lamberti-Kirche engagieren sich Pensionäre in einem Präsenzdienst. Und weiter: Es gibt einen philosophischen Gesprächskreis, zu dem etliche ältere Menschen kommen. Das sind nur Beispiele.

Wenn die Pfarrgemeinde alten Menschen
einen Lebensraum ermöglicht, steht sie
dann in Konkurrenz zu anderen
Angeboten zugunsten alter Menschen
in der Stadt?

Nein. Sie ist eher eine Ergänzung. Denn alle Formen kirchlicher Altenarbeit haben ein Spezifikum: In allen Weisen der Begleitung und des Zusammenlebens älterer Menschen sollte eine Grundmelodie vernehmbar sein: die Grundmelodie der Hoffnung unseres Glaubens. Denn Christen sind auf eine Zukunft ausgerichtet, die über diese Welt und alles Altwerden hinausreicht. Auch die kirchliche Altenarbeit ist darum wesentlich anderes und mehr als dazu zu verhelfen, komfortabel oder mit Anstand die Lebenszeit zu überstehen. Die Feier des Gottesdienstes, Gebet und gläubige Wegbegleitung haben daher einen unverzichtbaren Stellenwert für eine kirchlich geprägte Altenarbeit.

Welche Rolle spielen die
Altenheime in der Gemeinde?

Wir achten darauf, dass sie im Bewusstsein der Gemeinde verankert sind. Durch die Besuchsdienste, insbesondere auch in der Weihnachtszeit, beachten wir nicht zuletzt diejenigen, die kaum noch familiäre Bindungen haben. Zum Cohaus-Vendt-Stift, in dessen Kuratorium ich bin, gibt es viele lebendige Kontakte. Zum Beispiel beim Lambertussingen der Kinder, bei der Fronleichnamsprozession, wo das Stift immer eine Station ist. Die geistlichen Dienste sind hier von großer Bedeutung. In der DKV-Residenz am Tibusplatz ist eine Vorsehungsschwester ehrenamtlich für die Menschen da. Im Cohaus-Vendt-Stift ist Sr. Erika mit einer halben Stelle beschäftigt, sie steht zum Beispiel den Sterbenden zur Seite. Das ist alles wunderbar gefügt, die Altenheime sind keine Isolierstationen, sondern ein wichtiger Bestandteil unseres Lebensgefüges.

In den Gottesdiensten sind die
älteren Menschen oft in der Mehrzahl.
Macht das Altwerden gläubiger?

Das könnte man meinen. Aber neuesten Untersuchungen zufolge sind es eher die Jungen, die in größerer Zahl an das ewige Leben glauben. Die wichtigsten Dienste des Priesters und der Kirche sind es, die Hoffnung des Glaubens zu bezeugen – in der Feier des Gottesdienstes, im Gebet und in der spirituellen Begleitung der eigenen Lebensentscheidung. Altwerden ist eine Zeit des Zugehens auf eine Verwandlung des Menschen im Sterben. Die Zukunft der Menschen nimmt im Alter zu, weil wir glauben.